Perspektiven

Kolumne: Daueranfangsfinder "Entschuldigung"

brötchen in Auslage

ENTSCHULDIGUNG

Ich bin ein Entschuldiger.

Ich entschuldige mich ungefragt für alles Mögliche. Beim Bäcker zum Beispiel, wenn ich die frustrierten Damen beim frustrierten Brötchenbelegen störe.

Ich weiß immer ganz genau: Eigentlich wollen sie mich gerade nicht bedienen.

Mit meinem devoten Gehabe biete ich ihnen allerdings eine hervorragende Fläche zum Abreagieren. Insofern bin ich vermutlich schon wieder ein guter Kunde.

Ambivalent gut, sozusagen.

Ich entschuldige mich auch, wenn ich irgendwo anrufe.

Wenn ich Leuten mitten am Tag eine E-Mail schicke.

Wenn ich meinen Sohn früher aus der Schule abholen muss, weil er krank geworden ist.

Entschuldigung, dass mein Kind Durchfall hat.

Entschuldigung, dass mein Anliegen offenbar in Ihre Öffnungszeiten fällt.

Entschuldigung, dass ich existiere und dabei gelegentlich Geräusche verursache.

Doch ich sage es jetzt mal mit Thors Worten – natürlich im englischen Original. Alles andere wäre halbgotteslästerlich:

That ends now.

Nach einem langen Tag – Spoileralarm – voller E-Mail-Postfächer, voller Hosen (mein Sohn hatte Durchfall in der Sporthalle), voller Probleme, die ein vollkommen banaler Kommentar in einer Schulelterngruppe hervorrufen kann, und voller Nasen – zumindest hatte ich meine gestrichen voll – sitze ich nun mit demonstrativ halb geöffneten Augen vor meinem Rechner.

Will das überhaupt jemand hören?

Weiß ich nicht. Eines weiss ich aber!

Heute entschuldige ich mich dafür jedenfalls nicht.

Vielleicht ist das der Anfang.

Nicht von einer plötzlichen Bully-Attitüde à la: „Schmieren Sie mir endlich das Brötchen! Und wenn Sie keinen Bock auf Ihren Job haben, dann machen Sie doch eine Fortbildung. Oder arbeiten bei Action!“

Nein.

Aber ich nehme Abstand von der Vorstellung, dass meine bloße Anwesenheit anderen Umstände macht.

Ich bin höflich, hilfsbereit und freundlich – jedenfalls sagt man mir das. Also darf ich auch erwarten, dass man mir das entgegenbringt.

Ich darf anrufen.

Ich darf eine E-Mail schicken.

Ich darf Fragen stellen, meine Meinung ändern, zu spät kommen, zu früh gehen, Hilfe brauchen und sogar ein krankes Kind aus der Schule abholen, ohne mich dabei zu verhalten, als hätte ich gerade persönlich den Unterrichtsbetrieb des Landes Niedersachsen längerfristig zum Erliegen gebracht.

Man muss nicht vor Selbstbewusstsein strotzen wie Superwoman oder ein Ego haben wie Beyoncé beim Super-Bowl-Auftritt.

Man kann auch einfach mal aufhören.

Und schauen, was passiert.

Nämlich: nichts.

Außer vielleicht, dass dieses allgegenwärtige Gefühl, devot zu sein und irgendwie immer ein bisschen zu viel, langsam leiser wird.

Entschuldigung, aber das musste mal gesagt werden.

Ups.

Alte Gewohnheit.

Zurück zu Perspektiven

Gute Gedanken. Direkt in dein Postfach.

Unser wöchentlicher Newsletter mit inspirierenden Geschichten, klugen Impulsen und den wichtigsten Beiträgen aus der Wortvibe-Welt.