Kolumne: Daueranfangsfinder "Selbstbewusstsein"

Selbstbewusstsein
Ich sah meinem Sohn über die Schulter, während er hochkonzentriert und mit schwindelerregender Geschwindigkeit seine Daumen über die Nintendo Switch bewegte.
Auf dem Bildschirm sprang Peach – die wohl bekannteste weibliche Figur im Super-Mario-Universum – mühelos über bewegliche Plattformen und an Hindernissen vorbei.
Irgendwo zwischen Catwoman, She-Ra und Moneypenny.
Come on: Ohne sie wäre James Bond doch ein Nichts.
Ich bewunderte dieses wendige, vor Selbstbewusstsein strotzende Weibsbild.
Bis sie schließlich von zwei beweglichen Steinwänden zermalmt wurde.
Life’s a bitch.
Vielleicht mag ich solche Frauen deshalb so gern. Die, die wirken, als könnten sie über alles springen, was sich ihnen in den Weg stellt. Die nicht fragen, ob sie dürfen. Die loslaufen, bevor jemand die Gelegenheit hat, ihnen zu erklären, warum etwas schwierig werden könnte.
Wobei das mit dem Selbstbewusstsein ja so eine Sache ist.
Von außen sieht es meistens beeindruckender aus als von innen.
Vielleicht steht selbst die souveränste Frau gelegentlich vor einer Wand und denkt: Echt jetzt?
Oder lebensnäher: Fuck!!!
Nur sieht das eben keiner.
Man sieht meistens nur den Sprung. Oder wie sie elegant über die Mauer fliegt und auf der anderen Seite auch noch ziemlich cool landet.
Was man nicht sieht: das, was währenddessen in ihrem Kopf passiert.
Was, wenn ich mit dem Schuh hängen bleibe? Was, wenn es auf der anderen Seite noch schlimmer ist? Vielleicht ist diese Seite der Mauer doch gar nicht so schlecht.
Die Zweifel sieht man nicht.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Selbst die größten Heldinnen, mit den schärfsten Klamotten und der lässigsten Landung, haben manchmal Angst, falsch abzuspringen.
Das macht sie nicht weniger selbstbewusst.
Es macht sie nur menschlich.
Und wenn selbst Peaches gelegentlich an einer Steinwand zerschellt, dürfen wir vermutlich auch mal kurz zweifeln.


