Perspektiven

Kopf hoch!

Eine Kolumne über Falten, Alter und Erwartungen: Warum eine knorrige Eiche bewundert wird, Frauen um 50 aber nicht – und was ein ehrliches Kompliment bewirken kann.

Alte, knorrige Eiche mit tief gefurchter Rinde auf einer Waldlichtung

Die weißen Linien auf gebräunter Haut ziehen sich inzwischen wie Jahresringe um meinen Hals. Egal, welch vielversprechendes Wundermittel ich benutze, mein Hals gleicht einem Ringelshirt.

Früher hat mich das gestört. Heute denke ich an eine alte Eiche.

Mit gefurchter Rinde, voller Linien, Narben und Baumperlen. Niemand käme auf die Idee, ihr eine Verjüngungskur zu empfehlen. Niemand würde ihr raten, die Falten wegzuschleifen oder den Stamm zu straffen.

Im Gegenteil.

Je älter und knorriger eine Eiche ist, desto länger bleibt man vor ihr stehen. Manche möchten sie sogar umarmen, um ihre Kraft zu spüren.

Alte Eichen gelten als Kraftorte, Schutzbäume und Orientierungspunkte. Sie haben Stürme überstanden, Äste verloren und stehen trotzdem noch da.

Wir bewundern sie dafür.

Bei Frauen um 50 ist das erstaunlicherweise anders.

Wie oft werden wir gefragt, ob wir uns nicht neu erfinden, noch einmal durchstarten und die überflüssigen Pfunde abschmeißen wollen. Gleichzeitig mögen wir bitte nicht so zickig sein, wenn wir neben Job, Kinderchauffeurdiensten, Einkaufen, Wäsche waschen, Staubsaugen, Arztterminen eben noch das Geschenk für die Schwiegermutter besorgen.

Wenn wir schon dabei sind, gehören die Lachfalten, Zornesfalten, Bauchfalten und Winkearme natürlich gleich noch unters Skalpell.

Wir sind solventes Potenzial! Die Kosmetikbranche weiß das und hält einiges für uns bereit, die Diätindustrie noch viel mehr. Longevity ist die neue Zauberformel für alle, die dem Alter die Tür vor der Nase zuknallen möchten.

Ewig leben wollen, ohne alt zu werden und so auszusehen, funktioniert nicht.

Falten erzählen Geschichten.

Die um die Augen vom Lachen, die zwischen den Augenbrauen vom Ärger und die am Hals davon, wie oft wir uns geneigt haben.

Natürlich dürfen wir unser Leben ändern, wenn es nicht mehr zu uns passt.

Aber wir müssen es nicht.

Wir brauchen keine neue Version von uns. Wir sollten nur aufhören, die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Sei du selbst. Lass andere Frauen das auch sein.

Wie wäre es, wenn wir jeden Tag einer Frau ein Kompliment machen würden?

Der Frau vor uns an der Supermarktkasse. Der Fremden auf der Straße. Der Mutter mit dem Kinderwagen. Der älteren Frau am Rollator.

Einfach, weil ihr das Kompliment ein Lächeln ins Gesicht zaubert und wir etwas in ihr sehen, das sie selbst nicht wahrnimmt.

Wir wissen oft sehr genau, woran andere Frauen gerade zweifeln. Wir kennen den kritischen Blick in den Spiegel. Den Versuch, möglichst wenig Raum einzunehmen. Das Gefühl, nicht genug zu sein.

Deshalb ist ein ehrliches Kompliment von einer Frau so wertvoll.

Wir kennen die Brüche, die Sehnsüchte und Hoffnungen.

Eine alte Eiche steht selten allein.

Im Wald stehen Bäume nebeneinander. Manche sind gerade gewachsen, andere schief. Manche haben imposante Kronen, andere tote Äste und sind vom Wind gebeugt.

Gemeinsam sind sie ein Wald.

Auch wir Frauen sollten beieinanderstehen, uns ansehen und sagen:

Du bist nicht allein.

Ich sehe dich.

Ich kenne deinen Weg.

Du stehst noch.

Kopf hoch!

Vor allem, wenn der Hals faltig ist.

Das Ringelshirt ist mein liebstes Kleidungsstück.

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